Warum die generalistische Pflegeausbildung uns noch weiter zurückwirft –

Kommentar einer Auszubildenden des alten Systems

„Du willst mit deinem Abi wirklich nur Krankenschwester werden?“ „Achso, du willst also später Medizin studieren?“ „Das könnte ich ja nicht, mit den Ausscheidungen und so“

Solche und ähnliche Aussagen waren nach der Schule keine Seltenheit für mich. Und ganz ehrlich? Vor meinem FSJ hätte ich wahrscheinlich dasselbe gesagt. Als ich jedoch nach und nach die Pflege kennen und lieben lernte wurde mir schnell klar, dass die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin genau das richtige für mich war. Von da an kamen die oben aufgeführten Kommentare ständig. Und es machte mich unfassbar wütend. Der Job, den ich als so komplex und anspruchsvoll empfand wurde in meinem Umfeld ständig denunziert.

Die Pflege in Deutschland hat ein Imageproblem. Und das zurecht. Als ich mich vor ziemlich genau 3 Jahren für die Ausbildung bewarb hieß es: Die Akademisierung kommt. Das klang sinnvoll für mich. Ersteinmal ist es so, dass Deutschland und Österreich die einzigen Europäischen Länder sind, die noch keine akademisierte Pflege haben. Und das spiegelt sich im Gehalt und sozialem Ansehen klar wider. Die Professionalisierung würde das Stigma der hohlen Arbeit – in der „man ja eh nur Ärsche abwischt“ – ablösen. Es würde einigen endlich klarmachen, dass der Arzt nicht mein Chef und die Ausbildung nicht bloß ein Sprungbrett für zukünftige Medizinstudenten ist. Die Akademisierung wäre eine große Chance, um im medizinischen Bereich Fuß fassen zu können, ohne der Degradierung der Kaffee trinkenden Schwester ausgesetzt zu sein.

Natürlich gibt es auch bei der Akademisierung Kritik. Die meistgenannte? Es wäre unfair zu akademisieren, da so InteressentInnen mit mittlerer Reife ausgeschlossen würden. Dazu muss ich ganz klar sagen: Wurden sie im „alten System“ auch. In meinem Ausbildungskurs ist niemand, der nicht wenigstens Fachabitur hat. Ich kenne einige Pflegekräfte, die mit mittlerer Reife zunächst für die Ausbildung abgelehnt, nach ihrem Fachabitur aber sofort angenommen wurden. Vielen, mir eingeschlossen, wurde auch innerhalb des Bewerbungsverfahrens angeboten begleitend zur Ausbildung auch direkt das Studium zu beginnen. Das klang zunächst total gut. Aber leider nur solange bis ich erfuhr, dass mir ein Pflegebachelor nur eines bringt: den Titel. Mit dem Pflegebachelor bekommt man innerhalb des Krankenhauses keinen höheren Stellenwert in der Pflege, weder finanziell, noch im Bezug auf berufsalltägliche Privilegien. Ich wäre trotz abgeschlossenem Studium eine ganz normale Pflegekraft. Daher entschied ich mich dagegen. Wozu auch die doppelte Arbeit und zusätzliche Kosten in der Ausbildung auf mich nehmen, ohne das dies am Ende entlohnt wird? Dennoch muss ich sagen, dass ich eigentlich vorhatte später in meiner Laufbahn das Studium zu absolvieren, wenn geeignete Stellen auf dem Arbeitsmarkt vorhanden wären. In ein paar Jahren wären ja eh alle studiert.

Und dann kam die Generalistik. Als ich das Konzept hörte, dachte ich zunächst, es sei ein schlechter Scherz. Denn kurz gesagt ist das Konzept: Deprofessionalisierung statt Professionalisierung. Quantität statt Qualität.

Ersteinmal kann jeder mit einem Schulabschluss die Ausbildung antreten. Bei einem Hauptschulabschluss ist zuvor jedoch eine zweijährige beliebige Ausbildung oder die einjährige Ausbildung zur/zum PflegerhelferI:n vorausgesetzt. In der Generalistik wird – wie der Name schon sagt – generalisiert. Es wird nicht wie zuvor zwischen Kinderkrankenpflege, Krankenpflege und Altenpflege differenziert, sondern die Auszubildenden besuchen alle denselben Kurs. Sie müssen in ihrer Ausbildung Einsätze in allen Bereichen absolvieren. Also arbeitet jemand, der Kinderintensivpfleger:In werden will, genauso oft im Pflegeheim, wie mit Kindern. Je nach Krankenpflegeschule wird sich entweder nach dem 2. Ausbildungsjahr spezialisiert oder alle machen bis zum Schluss einfach alles und können sich dann aussuchen, in welchem Berufszweig sie tätig werden wollen. Natürlich verstehe ich den Ansatz, der dahinter steckt. Je mehr Leuten die Ausbildung ermöglicht wird und je flexibler diese eingesetzt werden können, desto besser. Nette Grundidee, die aber klar nach hinten losgeht. Denn unser Job ist nichts, was jeder mal eben so machen kann. Unser Job ist komplex und sowohl körperlich, als auch kognitiv anspruchsvoll. Man braucht eine Menge Geduld, Kraft und Auffassungsvermögen. Es geht hier immer noch um Menschenleben. Damit will ich natürlich niemandem, der eine mittlere Reife oder einen Hauptschulabschluss besitzt unterstellen, dass er oder sie diese Ansprüche nicht erfüllen könnten. Aber nur so als Beispiel: Der erste Kurs der Generalistik an meiner Schule begann im April 2020 mit 30 Auszubildenden. Am Ende der Probezeit im Oktober waren es noch 16. Die 14 anderen konnten die erwartete Leistung nicht erbringen. In meinem Kurs beispielsweise haben wir mit 31 Auszubildenden begonnen, hier haben gerade mal 3 Auszubildende die Probezeit nicht geschafft.

Unser Job ist nichts, was jeder mal eben so machen kann. Unser Job ist komplex und sowohl körperlich, als auch kognitiv anspruchsvoll. Man braucht eine Menge Geduld, Kraft und Auffassungsvermögen. Es geht hier immer noch um Menschenleben.

Was ich der Generalistik lassen muss: Es kann bei den Einsätzen, anders als im alten System, nicht mehr geschummelt werden. Mein ambulanter Einsatz war die Palliativstation, mein urologischer auf einer Inneren, die sich auf Nephrologie spezialisiert hat. Urologie kenne ich nur aus der Theorie. „Nicht schummeln ist doch gut!“ könnte man jetzt denken. Jein. Natürlich ist es super, dass man die Chance bekommt alles zu sehen. Nur ist die Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten (ambulant und stationär) so groß, dass nicht nur 5-, oder 10-wöchigen Einsätze, sondern zum Teil nur 3 Wochen in einem Fachbereich vorgesehen sind. Wie viel man in 3 Wochen mit Schichtdienst und Überbelastung lernen kann, sei mal dahingestellt.

Ein weiterer Aspekt, der immer wieder als positiv hervorgehoben wird, ist die engmaschige Betreuung durch Praxisanleiter:Innen. Anders als zuvor kann nicht mehr jede Pflegekraft, die mir etwas gezeigt hat, mir das gelernte durch eine Unterschrift bescheinigen, sondern nur diejenigen, die die zweijährige Fortbildung dafür absolviert haben. Außerdem werden sogenannte Praxisaufgaben durchgeführt, die der/die Schüler:In in Beisein einer Lehrkraft und der Praxisanleiter:Innen absolvieren müssen. Auch das Bewertungssystem wurde geändert. Statt ++, +, - und - - gibt es jetzt Noten, die schriftlich begründet werden müssen. Jetzt zu dem Problem, dass sich aus der geforderten engmaschigen Betreuung ergibt: Sie ist utopisch. Die meisten Stationen haben nicht mal 2 Praxisanleiter:Innen, aber dafür im Schnitt 4 SchülerInnen. Und durch den gravierenden Personalmangel ist das neue System direkt zum scheitern verurteilt. Eine Pflegekraft mit der Weiterbildung muss also im Frühdienst eine Patientengruppe übernehmen, womit eine hohe Verantwortung einhergeht. Zusätzlich soll Sie 3 SchülerInnen engmaschig betreuen, anleiten, Praxisaufgaben vorbereiten, Gespräche führen und alles verschriftlichen. Wie soll das gehen? Gar nicht. Was sich vorbereiten lässt, wird Zuhause gemacht. Dieser Mehraufwand zählt übrigens nicht als Arbeitszeit und wird somit auch nicht anerkannt. Und die SchülerInnen, die in der anderen Schicht eingeteilt sind? Pech gehabt. In einer Zeit – in der erleichtert aufgeatmet wird, wenn das Wort „Oberkurs fällt, weil die „ja quasi schon alles können“ – wird erwartet, sich als Anleiter:In quasi vier zu teilen, um allen SchülerInnen gerecht zu werden. Und das nur, um in 3 Wochen die nächsten Schüler durchzuschleusen. Natürlich gibt auch da die Politik mehr oder weniger sinnvolle Lösungsansätze. Es soll eine Mindestanzahl an Praxisanleiter:Innen da sein und diese sollen, zumindest für einen gewissen Prozentsatz, für diese Tätigkeit freigestellt werden. In der Theorie klingt das gut. In der Praxis eher weniger. Denn niemand möchte jetzt gerade Praxisanleiter:In werden. Doppelte bis Dreifache Arbeit und eine zweijährige Weiterbildung für…. 50€. Richtig gehört. 50€. Brutto. Und da wundern sich alle, warum das niemand machen will. In manchen Häusern gibt es nicht einmal das. Die Freistellung stößt auch nur auf trockenes Gelächter. Ja logo, wir haben zwar so schon nicht genug Personal, aber lasst uns mal eine Vollzeitkraft zu 30% für die Praxisanleitung freistellen. Hier kommt in mir mal wieder diese eine Frage auf: Wie kommen Pflegepolitiker:Innen eigentlich zu ihren Posten, wenn sie nicht einmal die Zeitung lesen können?

Das Grundproblem der Pflege: Das Image wird nicht „aufpoliert“, sondern noch mehr bestärkt. „Das kann ja jeder machen“ wird zum Konzept. Von der unfassbar rufschädigenden und von Klischees nur so triefende Werbekampagne ganz zu schweigen. Medizininteressierte AbiturientInnen werden den Beruf jetzt erst recht nicht ergreifen. Wozu auch die Mühe im Abi machen, wenn die doch eh jeden nehmen? Auch werden gerade diejenigen abgeschreckt, die schon genau wissen was sie machen wollen. Warum sollte Ich eine dreijährige Ausbildung machen, in der Ich 60% Dinge mache, die mir für meinen zukünftigen Werdegang nichts und wieder nichts bringen, obwohl Ich eigentlich nur mit Kindern arbeiten möchte?

Das Grundproblem der Pflege: Das Image wird nicht „aufpoliert“, sondern noch mehr bestärkt. „Das kann ja jeder machen“ wird zum Konzept.

Hinzu kommt ja noch, dass besonders die Altenpflege unter dem neuen System leiden wird. Wieso sollte ich mit einer absolvierten Ausbildung der Generalistik im Pflegeheim anfangen? Noch schlechterer Personalschlüssel als in der Krankenpflege, noch weniger Entlohnung, noch mehr PatientInnen/ BewohnerInnen pro Pflegekraft. Da überlegt man nicht lange.

Nun zum letzten Aspekt. Die Berufsbezeichnung. In einer Zeit wo immer mehr gegendert wird und Gleichberechtigung immer wieder ein Thema ist, wurde sich für die rückschrittlichste Bezeichnung entschieden. Pflegefachmann oder Pflegefachfrau. Euer ernst? Noch mehr kann man die (leider immer noch rar gesähten) Männer im Beruf nicht bevorzugen. Wem würden sie mehr zutrauen? Dem Fachmann oder der Fachfrau? Wie kann es sein, dass wir in der Schule immer Pflegefachkraft, Pflegekraft oder Pflegeperson sagen, aber dann so eine genderspezifische Bezeichnung gewählt wird, bei der Geschlechter, die nicht der „Norm“ entsprechen, von vornherein ausgeschlossen werden? Pflegekraft oder Pflegefachkraft wäre seriöser, spezifischer und genderneutral.

Insgesamt muss ich sagen: Ich kann der Generalistik nichts positives abgewinnen. Sie ist ein Symptom und ein Beispiel dafür, dass diejenigen, die für die Pflegepolitik zuständig sind schlichtweg keine Ahnung haben, was Pflege bedeutet. Warum wird sich in der Politik nicht an internationalen Konzepten orientiert, die sichtbare Erfolge bringen? Warum schafft es ein Ministerium nicht eine vernünftige Kampagne für Interessierte ins Leben zu rufen? Warum braucht es Comedians und Kabarettisten im deutschen Fernsehen, um ein ehrliches und aufrichtiges Interesse für diesen tollen Beruf zu wecken? Die Politik wird früher oder später schmerzlich feststellen müssen, dass ihre geniale Idee nach hinten losgegangen ist und sie viele potentielle Pflegekräfte gekostet hat.

Die Politik wird früher oder später schmerzlich feststellen müssen, dass ihre geniale Idee nach hinten losgegangen ist und sie viele potentielle Pflegekräfte gekostet hat.