Moralische Verletzung

Kaum jemand kennt den Begriff “Moral Injury”. Doch alle wissen, was gemeint ist und was er bedeutet.

Moral Injury (Moralische Verletzung) beschreibt die Verletzung des moralischen Gewissens und der Werte einer Person durch fortgesetzte Exposition gegenüber belastenden Situationen. Erstmals bei Gesundheitsberufen beschrieben wurde dies 1984, also vor fast 40 Jahren. Die Anhäufung negativer Erlebnisse, die durch die Diskrepanz des Anspruchs an die eigene Arbeit und der systemisch vorgegebenen Möglichkeiten resultieren, führen zu dauerhaften Schädigungen der psychischen Gesundheit und des Wohlbefindens. Folgen können Mitgefühlsermüdung und Burnout sein.

Medizinische Fachkräfte erleben weltweit, dass das, was sie in ihrer Ausbildung oder im Studium als “Goldstandard” erlernen, in der praktischen Anwendung kaum umsetzbar ist. Mangel an Zeit, Gerätschaften, Mitteln, Platz und Personal sorgen dafür, dass die eigenen Vorstellungen guter Patientenversorgung stark von der Realität abweichen. Seit 40 Jahren ist eigentlich bekannt, dass dies zu psychischen Verletzungen führt. Dass es krank macht. Die Fachkräfte stumpfen ab, ziehen sich zurück, verlassen den Beruf. Pflegende und Ärzt:innen sind betroffen, eben diejenigen, die am Patientenbett stehen und denen eine zufriedenstellende Versorgung durch systemische Missstände verwehrt wird. Wo die Dokumentation einen höheren Stellenwert hat, als die Behandlung, da entsteht Moral Injury. Wo die Zeit für gute Patientenversorgung fehlt, da entsteht Moral Injury. Wo Moral Injury entsteht, da stoßen Menschen an ihre Grenzen und sehen für sich nur den einen Ausweg: Raus aus der Situation, raus dem Beruf.

Kaum jemand kennt den Begriff “Moral Injury”. Doch alle wissen, was gemeint ist und was er bedeutet.