Stellungnahme von Münstercares zu Hugo van Akens Einschätzung, dass die Lage "entspannt" sei.

Sehr geehrter Herr Van Aken,

wir nehmen Bezug auf das Radiointerview vom 14.04.2021, geführt mit Christoph Hausdorf von Antenne Münster.

Mit großer Begeisterung haben wir Ihren Worten gelauscht. Wie man der aktuellen Presse entnehmen kann, ist der Gesamttenor eindeutig: Die Lage in den Krankenhäusern in NRW spitzt sich aufgrund der vorherrschenden dritten Welle immer mehr zu. Nur in Münster sei die aktuelle Lage "entspannt". Laut Ihrer Aussage sind derzeit gerade einmal 11 von 49 Intensivbetten am UKM belegt. Das klingt zu schön um wahr zu sein. Scheinbar weiß man am UKM "wie der Hase läuft".

Selbst die oft betonte und gefürchtet "Triage", die bereits von anderen Ärzten mehrfach erwähnt wurde und wie ein Schreckgespenst durch die Medien geistert, ist für Sie als ärztlicher Direktor kein Thema. In der WN vom 16.04.2021 heißt es etwa: "Sie dürfe nur im Krieg oder bei Naturkatastrophen eine Rolle spielen. Aber das werde in Deutschland nicht der Fall sein".
Sogar das Problem der Personalknappheit wird am UKM scheinbar optimal gelöst. OP-Säle werden geschlossen, frei werdende Personalkapazitäten einfach verschoben. Geniale Idee!

Wir Leser:Innen/ bzw. Zuhörer:Innen sind aufgrund dieser Souveränität absolut begeistert! Lehnen wir uns entspannt und sorgenfrei zurück, denn in Münster und gerade am UKM leben wir Ihren Worten folgend auf der viel gelobten "Insel der Glückseligkeit" (vgl. Allgemeine Zeitung vom 21.11.2020).

Wir hoffen, die Ironie wird deutlich?

Leider ist uns bei Ihren Worten jedoch nicht zum Lachen zumute. Im Gegenteil. Wir erschraken besonders über Ihre auf uns nahezu ignorant wirkende Art, mit welcher Sie scheinbar über die prekäre Lage der Pflegekräfte hinweggehen und die Situation offensichtlich ganz anders beurteilen als wir, die wir tatsächlich am Bett der Patienten stehen.

Wir leisten gerne Nachhilfe, denn uns erreicht seit Ihrem Interview eine stetig wachsende Zahl an Nachrichten von Pflegekräften aus Münster, die ein völlig anderes Bild aufzeigen. Wir haben fleißig gesammelt und wollen Ihnen die allgemeine Stimmung nicht vorenthalten:

In diesen Nachrichten wird u.a. kritisiert, dass bei dem Thema Personalverschiebung immer wieder suggeriert würde, dies sei bei den Pflegenden kein Problem. Niemand würde hingegen auf die Idee kommen Fachärzt:Innen für Augenheilkunde auf die Intensivstation zu versetzen, wenn ärztliche Engpässe entstünden. Das werfe die Frage auf, warum das bei den spezialisierten Pflegekräften scheinbar so problemlos möglich sei?

In einer anderen Nachricht wird davon gesprochen, es entstünde der Eindruck, dass Notärzte mitunter Probleme hätten ihre Patient:Innen überhaupt in Kliniken unterzubringen. Gefühlt ständig seien alle Häuser in Münster von der Notfallversorgung abgemeldet. Egal ob Covid oder nicht.

Eine Pflegekraft berichtet von Erfahrungen mit einer Patientin, der es seit mehreren Tagen vom Allgemeinzustand und respiratorisch immer schlechter ginge, die sogar High Flow benötigte, die jedoch nicht auf die Intensivstation verlegen werden könnte, obwohl dort noch ein Bett frei gewesen sei. Dieses Bett jedoch sollte für eine Verlegung von Außerhalb zurückbehalten werden. Sie fühle sich als müsse sie tatenlos zusehen, wie es den Patient:Innen immer schlechter ginge, bis diese erst kurz vor knapp – als Akutfall – verlegt werden könnten. Das sich in ihrer Frage, wer da von einer entspannten Lage sprechen mag, zeigende Unverständnis ist nachvollziehbar.

Viele Berichte gehen genau in dieselbe Richtung: die Äußerungen es sei alles entspannt, lassen sich nicht nachvollziehen. Die subjektive Wahrnehmung der Pflegenden ist eine andere. Es wiederholen sich Aussagen wie „bei uns ist es gerade Katastrophe“ oder „schon länger nicht mehr entspannt, immer wieder abgemeldet für Covid Rot“. Der Personalmangel zieht sich wie ein roter Faden durch die Kommentare: „(…) OP´s müssen wegen mangelnder Kapazitäten verschoben werden.“ - „Die Lage ist schwierig, es gibt einfach zu wenige von uns Pflegekräften.“

Unserer Meinung nach gut zusammengefasst hat es der letzten Kommentar: Die Pflege müsse sich geohrfeigt vorkommen.

Die Liste der Nachrichten ist noch viel länger. Der Unmut der Pflegenden lässt sich klar aus jedem einzelnen Kommentar erkennen. Scheinbar gibt es eine Diskrepanz zwischen Ihren warmen Worten und der empfunden Realität auf den Stationen. Es macht eben einen Unterschied ob die Bettenzahlen von einem Blatt Papier abgelesen, oder die Patient:Innen im selbigen professionell betreut werden. Es ist durchaus denkbar, dass Münster wirklich besser durch die Krise kommt, als andere Städte. Das wollen wir gar nicht in Frage stellen. Die Inzidenzen sind vergleichsweise niedrig, sodass hier vor Ort sogar von Modellregion und Lockerung die Rede war. Jedoch empfinden wir Pflegenden, die direkt am Bett der Patient:Innen stehen, es als Schlag ins Gesicht von einer „entspannten“ Lage zu sprechen!

Die dritte Welle ist spürbar auf den Intensivstationen angekommen – und die Zahlen steigen. Wir finden: Die Pflegekräfte geben ihr Bestes und leisten ungefragt und selbstlos mehr als von ihnen erwartet werden darf – sogar mehr als von jeder anderen Berufsgruppe erwartet wird! Die erreichten Emotionen wie Wut, Ärger und Unverständnis drohen über kurz oder lang in Hilflosigkeit, Überforderung und Resignation umzuschlagen. Ihre Aussagen sehen wir hierbei als mindestens kontraproduktiv an.

WIR, die Pflegenden der Krankenhäuser in Münster, empfinden die Lage als angespannt!

Mit besten Grüßen,

Muenstercares